Alles Platte oder was?

Zu DDR-Zeiten nicht fertig gebaut und von hohem Leerstand betroffen, plante die WIRO bereits den Abriss des Stelzenhochhauses „Rasmus“ im Viertel Evershagen. In fast letzter Minute entschied sich das Unternehmen anders – und ging einen ungewöhnlichen Weg. Foto: Jens Scholz

Neu gedacht, neu gemacht: Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe. Vom Umgang mit 27.000 Wohnungen aus der DDR-Zeit – die WIRO Wohnen in Rostock hebt Schätze.

Gründerzeitquartiere, Bauhäuser und sanierte Altbauten: Ist von architektonischen Schätzen der Baukultur die Rede, denkt kaum jemand an den industriellen Wohnungsbau, im Volksmund „Plattenbausiedlung“ genannt. „Die Bauleistungen aus den 50er-, 60er-, 70er-Jahren genießen noch immer ein viel zu geringes Ansehen auch in unserer Stadt“, sagt Kulturamtsleiterin Dr. Michaela Selling. Unter dem Titel „Alles Platte oder was? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“ gingen Experten, Denkmalpfleger und Architekten vom 20. bis 22. Oktober bei einem Kongress der Frage nach, wie heute mit den Wohnbauten und Siedlungen, den Bauten für Bildung, Kultur und Freizeit der DDR-Zeit umgegangen wird - und umgegangen werden sollte.

Lediglich zwei bis drei Prozent, etwa 650 von insgesamt 29.000 Objekten auf der Denkmalliste des Landes Mecklenburg-Vorpommern, stammen aus der DDR-Zeit. Als herausragende Bauwerke in Rostock gelten unter anderem der Lichtenhäger Brink, das Matrosendenkmal im Stadthafen, die Kunsthalle, ein Hafenmeisterhaus im Bauhaus-Stil und der Warnemünder Teepott von Ulrich Mühter, gebaut 1968. Auf Häusern in Plattenbauweise liegt dagegen oft der Schatten standardisierter anonymer Großraum-Wohnungssiedlungen, die sozialpolitisch gesehen Gleichheit und Massenversorgung von DDR-Bürgern in den Vordergrund stellten. Zu Unrecht, so der Tenor der Veranstaltung. Viele betrachten die „Platte“ als gelebte Geschichte. Klinker und aus ihrer Sicht wunderschöne Giebelbilder in der Hansestadt seien charakteristisch für das Bauen im Norden oder an der Küste, unabhängig von den sonst vorherrschenden zentralistischen Strukturen.

Zum Wohnungsbestand der WIRO Wohnen in Rostock gehören insgesamt 27.452 Wohnungen in Plattenbauweise der Baujahre 1953 bis 1990. Die meisten davon, nämlich knapp 6.200, liegen im Stadtteil Lütten Klein, gefolgt von Evershagen mit rund 4.600 und der Südstadt mit gut 2.700 Wohnungen. Bei den WIRO-Quartieren handelt es sich zumeist um Wohnungen mit drei Zimmern (zirka 11.300) und um Zwei-Raum-Wohnungen (gut 8.500). „Wir sehen überall im Stadtbild, was die WIRO zur Restaurierung alles getan hat“, hob Michaela Selling anerkennend hervor. Der kommunale Vermieter sanierte zwischen 1992 und 2004 seinen kompletten Bestand, baute Altes ab, um Neues aufzubauen und entwickelt Wohnkonzepte, die sich an den aktuellen Lebensbedingungen und Wohnbedürfnissen der Mieter orientieren. Tagungs-Referent Thomas Dürre, Architekt bei der WIRO, stellte dem Fachpublikum exemplarische Projekte zum Umgang mit der „DDR-Platte“ vor:

Platte kreativ: „Zum Ahornhof“ in Groß Klein
Mit rund 230.000 Euro aus Städtebauförderung und eigenen Mitteln in Höhe von 8,4 Millionen Euro entstand 2003/04 aus einem ehemaligen Fünfgeschosser die Wohnanlage „Zum Ahornhof“ in der Plattenbausiedlung Groß Klein. Durch Teilrückbau und Grundrissveränderungen wurden aus großen Vier-Zimmer-Wohnungen, die auch nach einer Modernisierung kaum zu vermieten gewesen wären, exklusive Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Mediterrane Fassadenfarben, helle, freundliche Wohnungen mit einem Aufzug, komfortable Bäder, exquisite Fußböden und Türen sorgen für Vollvermietung. Balkone und Terrassen liegen auf der Süd- oder Südwestseite.

Schöner Wohnen in der Platte: das „Rasmus“ im Viertel Evershagen
Zu DDR-Zeiten nicht fertig gebaut und von hohem Leerstand betroffen, plante die WIRO bereits den Abriss des Stelzenhochhauses „Rasmus“ im Viertel Evershagen. In fast letzter Minute entschied sich das Unternehmen anders – und ging einen ungewöhnlichen Weg. Das Konzept, ein mit 33,5 Millionen Euro exklusiv saniertes Hochhaus in ein Plattenbaugebiet zu involvieren, wurde zwar interessiert, aber vor allem skeptisch von der Fachwelt beäugt. „Mit dem "Rasmus" ist jedoch allen Zweifeln zum Trotz ein großer Wurf gelungen: Ein architektonisches Highlight ist entstanden, dessen Anspruch an zeitgemäßes und komfortables Wohnen schon von weitem zu erkennen ist und in dem der Schlosser neben dem Hochschulprofessor wohnt“, so der WIRO-Architekt. Das Haus mit exklusivem Schwimmbad, Sauna und den 356 hochwertig ausgestatten Wohnungen mit intelligenten Grundrissen zwischen 51 und 92 Quadratmetern, zum Teil als Maisonette- und Penthousewohnung, ist komplett vermietet.

Umweltfreundlich und kostengünstig: Plattenbau in Perfektion
In der Joliot-Curie-Allee, im Rostocker Ortsteil Toitenwinkel, hat die WIRO 2015 eines ihrer Häuser aus den Baujahren 1989 bis 1993 umgebaut – zum Energiesparhaus. In der Nachbarschaft: typische Plattenbauten der letzten DDR-Jahre, Gebäude aus der Mitte und dem Ende der 1990er Jahre, aber auch neue Ein- und Mehrfamilienhäuser - entstanden rund um das alte ehemalige Dorf Toitenwinkel. Warmwasser und Heizenergie werden seither solar erzeugt. Das lässt die Heizkosten sinken - um bis zu 30 Prozent. Glänzender Blickfang ist die vor einem Teil der West- und Süd-Fassade installierte Fotovoltaik-Anlage: 160 Quadratmeter Solarmodule produzieren dort rund um die Uhr ausreichenden und günstigen Hausstrom. Die nun 47 bis 65 Quadratmeter großen 1,5- bis 3-Raum-Wohnungen wurden neu berechnet, optimiert und eignen sich sowohl als Single-Appartement ebenso wie als Familien-Wohnung. Die Rechnung – „etwas mehr Miete für deutlich mehr Leistung“ - ging am Ende für alle Beteiligten auf. Alle 54 Wohnungen waren bereits vermietet, bevor der Umbau abgeschlossen war – für 6,19 Euro pro Quadratmeter kalt.