Herzensangelegenheit - Das Fünfgiebelhaus am Rostocker Uniplatz wird Denkmal

Den Uniplatz ohne Fünfgiebelhaus können wir Rostocker uns gar nicht vorstellen. Dabei steht es erst seit 35 Jahren – und wird nun ein Denkmal. Wir haben mit vier Fachleuten gesprochen:

Die historische Entstehung

Das Fünfgiebelhaus – eine besondere Adresse

Foto: WIRO

Ein Zaun an der Ecke Uniplatz/Breite Straße verrät: Hier wird gebaut. Bevor es losgeht, muss der Umbau der Gewerberäume geplant werden. Vom Anfang an mit am Tisch: Rostocks Denkmalpfleger. Wenn die Baugenehmigung vorliegt und die Ausschreibungen gelaufen sind, haben die Bauleute vor allem im Inneren viel zu tun – wohl bis Ende 2022.

 

Rückblick: Der heutige Universitätsplatz war einst der Marktplatz der Neustadt, einer der drei Siedlungen, die vor gut 800 Jahren zu Rostocker zusammengewachsen sind. Er trug über die Jahrhunderte verschiedene Namen: Hopfenmarkt, Lateinische Markt, Blücherplatz, Stalinplatz, Universitätsplatz. Und „Uni-Platz“ trifft den Nagel auf den Kopf. Denn wo das heutige Hauptgebäude der Universität Rostock steht, war schon die Alte Universität zuhause, das Weiße Kolleg.
Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile der Rostocker Innenstadt zerstört, auch die prachtvollen Giebelhäuser an der Nordseite des Platzes. Baracken prägten dann jahrelang das Bild. Anfang der 1980er Jahre sollte bis an den Platz heran das Centrum-Warenhaus erweitert werden. Aber es kommt anders: Ein Team um den Rostocker Architekten Prof. Dr. Peter Baumbach entwickelt ein Ensemble, dass die hanseatische Giebelarchitektur aufgreift. Kaum zu glauben: Es ist – bis auf das aus Beton gegossene Erdgeschoss – ein Plattenbau mit unterschiedlich gestalteten Klinkerverkleidungen. Los geht’s 1985. Schon ein Jahr später ziehen die Mieter ein – in Wohnungen und Läden, Café und Restaurant.
Nach 1990 werden Teile des Gebäudes umgebaut. Was sich nicht ändert: Die Ecke Uni-Platz/Breite Straße bleibt eine kulinarische Adresse. Und das ändert sich auch nicht mit dem Auszug der Gewerbemieter im vergangenen Herbst. Denn Rostocker Gastronomen haben sich zusammengetan und wollen für Einheimische und Gäste ein neuartiges Konzept umsetzen.

Der Architekt

Foto: DOMUSimages

Professor Peter Baumbach, leitender Architekt des Fünfgiebelhauses
„Unser Planungskollektiv hatte damals zwei Vorgaben: Erstens durfte das Fünfgiebelhaus maximal 19 Millionen DDR-Mark kosten. Zweitens sollten wir es in Fertigbauweise errichten, ähnlich wie Lütten Klein. Nur das Erdgeschoss durfte monolithisch sein.

Unser und mein Anspruch war: Das Ensemble sollte dem Ort gerecht werden, sich zwischen Barocksaal, Universitätsgebäuden und Kröpeliner Straße einfügen. Und es sollte an die Giebel erinnern, die den Platz vor der Bombenzerstörung bestimmten.

 Das Fünfgiebelhaus beweist, dass mit vorgefertigten Platten sehr viel möglich ist. Die fünf Giebel ähneln sich und trotzdem ist jeder individuell gestaltet. Eine enge Verbindung von Kunst und Bau war mir wichtig. Mit Jo Jastram, Wolfgang Friedrich, Lothar Sell, Reinhard Dietrich und vielen anderen regionalen Künstlern haben wir ein Gesamtkunstwerk geschaffen: mit Reliefs und Skulpturen an der Fassade, dem Figurenumlauf, der Stundenuhr, dem Glockenspiel.

Auch in den Geschäften, in der Weinstube und der Milchbar haben wir uns um jedes Detail bemüht: Möbel und Lampen, sogar die Kleidung der Kellner wurde extra entworfen, die Gläser handgefertigt.

Ich könnte viele Geschichten erzählen. So bin ich wegen des Glockenspiels die ganze Nacht bis Apolda durchgefahren. Und dann war der Betrieb gerade enteignet worden. Am Ende haben wir das Carillon, wie vieles, auf Umwegen und mit persönlichem Einsatz organisiert.

Die Bauzeit für dieses große Projekt betrug nur etwas mehr als ein Jahr. Die Bauarbeiter haben in drei Schichten und an den Wochenenden gearbeitet. Jeder Beteiligte, vom Maurer bis zum Künstler, hat damals mit großer Leidenschaft gearbeitet. Das spürt man heute noch.“

Die Erhalter

Foto: DOMUSimages

Der Erhalter Jan Voß, Leiter der Abteilung Technik Wohnungswirtschaft

>> Das Fünfgiebelhaus war von Anfang an etwas Besonderes für die Rostocker. Viele verbinden damit auch persönliche Erinnerungen. Ich weiß noch, wie gern ich als kleiner Junge dem Glockenspiel gelauscht habe. Später war ich Dauergast im Bücherladen. Aber in erster Linie ist das Ensemble eine herausragende architektonische Leistung. Diese wird nun mit dem Denkmalstatus gewürdigt.

Die WIRO begleitet und unterstützt diesen Weg, wir wollen dem Denkmal gerecht werden. In den turbulenten Nach-Wende-Zeiten wurde vieles am Haus verändert. Eingänge wurden verlegt, Schaufenster vergrößert, der ehemalige Durchgang in den Innenhof zugebaut. Das war im Nachhinein nicht immer gut und richtig. Wir wollen diese Dinge in Zukunft behutsam anfassen und dort, wo es geht, in den ursprünglichen Zustand versetzen.

Wir wollen die Kunst freilegen, den Blick wieder darauf lenken. Der wurde leider oft verbaut oder ging unter – ich denke beispielsweise an das Glockenspiel oder die Säule mit den fantastischen Meereswesen von Lothar Sell. Viele Details sind verschwunden. Türgriffe, Lampen, Schriftzüge, kunstvolle Handläufe.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Bei einer Begehung vor wenigen Wochen haben wir im Keller vermisste Terrakotta-Skulpturen gefunden. Und im Fundus vom Kulturhistorischen Museum sind alte Türdrücker aufgetaucht. Uns ist es wichtig, die Beteiligten von damals einzubeziehen. Wir tauschen uns mit dem Architekten und den Künstlern aus. Wir untersuchen, analysieren, planen. Das Fünfgiebelhaus ist es wert!

Die Erhalterin Johanna Wollschläger, Bauleiterin

>> Seit fast einem Jahr beschäftige ich mich mit dem Fünfgiebelhaus, habe zahlreiche Unterlagen und alte Dokumente durchforstet, viele Gespräche geführt. Ich habe anfangs nicht geahnt, wie viel Geschichte in diesem Ensemble steckt!

Das Fünfgiebelhaus ist für mich längst mehr als ein alltägliches Projekt, da steckt sehr viel Herzblut drin. Wir als Eigentümer sind in der Pflicht, mit der Geschichte verantwortungsvoll umzugehen. Der geplante Umbau ist eine Herausforderung, es gibt links und rechts viel zu bedenken.

Der Denkmalpfleger

Foto: DOMUSimages

Der Denkmalpfleger Peter Writschan, Stadtkonservator beim Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen

>> Das Fünfgiebelhaus prägt den Universitätsplatz. Es ist ein Beispiel für postmoderne Architektur in der DDR und es ragt heraus. Peter Baumbach ist damals die Gratwanderung gelungen, sich an die Vorgaben zu halten und trotzdem eigene Wege zu gehen.

Die 143 Wohnungen oben wurden aus vorgefertigten Serienplatten montiert, die Geschäfte und gastronomischen Einrichtungen im unteren Bereich entstanden aus gegossenem Beton. Die speziellen Verblendklinker muten an wie gemauerter, hanseatischer Backstein.

Und die Kunstwerke! Sie geben dem Haus seinen heiteren und lebendigen Charakter – ohne propagandistische Elemente, wie sie zu der Zeit typisch waren. Ich bin froh, dass die WIRO dieses Projekt gemeinsam mit der Denkmalpflege von Stadt und Land angeht. Denn ein Denkmal bedeutet Verantwortung für den Eigentümer.

Wir werden im ersten Schritt analysieren und daraus Schwerpunkte entwickeln. Was ist wertvoll? Was muss bewahrt, was erneuert werden? Viele Details sind zu klären. Wo stehen die Sonnenschirme, damit sie die Kunst nicht verdecken? Schritt für Schritt suchen wir praktikable Lösungen.

Kunst am Bau

Wir bedanken uns herzlich für die zur Verfügung gestellten Bilder.
Bildquellen:
Archiv Peter Baumbach
Archiv Gerhard Weber
Stadtarchiv Rostock
Bertold Brinkmann
DOMUSimages