Vorsicht, Falle!

Auf den Trick mit den Goldringen sind Rostocker in allen Stadtteilen reingefallen. Betrüger haben die massiven Schmuckstücke mit Punze für
ein paar Euro zum Kauf angeboten. Ein schlechtes Geschäft: Die güldenen Teile sind unecht und keinen Pfifferling wert. Foto: Jens Scholz

Hartmut Olthoff kennt sich mit üblen Gestalten aus. Mehr als 30 Jahre hat der Kriminaltechniker Mordfälle untersucht. Der 66-Jährige ist pensioniert – aber gegen dasVerbrechen kämpft er immer noch: Im Ehrenamt warnt er Senioren vor Trickbetrügern.

Eine junge Frau klingelt an der Wohnungstür, blass und scheinbar hilflos, bittet sie um ein Glas Wasser. Darf man da Nein sagen? »Auf jeden Fall«, meint Hartmut Olthoff. Denn der Schwächeanfall ist oft nur eine fiese Masche und die Frau eine Betrügerin: Sobald sie unbeobachtet sind, weil der Mieter Wasser aus der Küche holt, klauen die Ganoven Schmuck oder Geld. Mal sind es falsche Handwerker, mal Wohnungsverwalter oder gar Polizisten, die sich unter Vorwänden Zutritt zur Wohnung verschaffen. Die Betrüger sind einfallsreich, erschwindeln ständig neue Varianten. Sie machen einen guten ersten Eindruck, sind höflich und eloquent. »Sonst würde ja keiner auf sie hereinfallen.«

2009 haben die Kollegen vom Fachkommissariat 7 ihren Chef, Kriminalhauptkommissar Olthoff, mit schweren Herzen in den Ruhestand verabschiedet. Seitdem war er mit seinen vier Enkelkindern, Haus mit Garten, Büchern eigentlich gut ausgelastet. Vor einem Jahr kam ein Anruf. Ob er nicht wieder Lust hätte, Verbrechern das Handwerk zu legen – von der anderen Seite, als Sicherheitsberater für Senioren. Die Idee: Pensionierte Polizisten klären ältere Menschen auf, sensibilisieren und wappnen sie für heikle Situationen. Hartmut Olthoff hat sofort zugesagt. Polizeiarbeit, der Kampf gegen Verbrechen, war für ihn kein Job, sondern Berufung, erzählt er mit einem Funkeln in den blauen Augen. »Das wird man nie los.«

In Stadtteil- und Begegnungszentren, bei Vereinen und Verbänden hält er – im Wechsel mit dem zweiten Seniorensicherheitsberater – Vorträge, er erklärt die Enkeltrick-Masche und zeigt Beispiele für Gaunerzinken. Olthoff hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Und er ist selbst im Rentenalter – das macht es für seine Zuhörer leichter, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Da werden aus geplanten eineinhalb Stunden schnell mal drei.

Rund 200 Senioren aus M-V fallen laut Polizeistatistik pro Jahr auf den Enkeltrick herein. Hartmut Olthoff vermutet, dass es eigentlich mehr sind. »Einige schämen sich und erstatten keine Anzeige.« Auch gegenüber den Verwandten wollen sie nicht als begriffsstutzig dastehen. Dabei ist es kein persönliches Versagen. Ob alt, ob jung, ob studiert oder nicht – es kann jeden erwischen. »Die Betrüger setzen ihre Opfer so unter Druck, da bleibt keine Zeit zum Nachdenken.« Sein wichtigster Rat an die Senioren: »Suchen Sie Kontakt zu ihren Nachbarn, pflegen Sie die Beziehungen im Haus!« Eine intakte Nachbarschaft, in der einer auf den anderen achtgibt, ist der beste Schutz. Und: »Seien Sie misstrauisch! Legen Sie den Hörer auf, machen die Tür vor der Nase zu!« Das ist legitim, auch wenn es vielleicht unhöflich wirkt.

Marlen Schmidt vom kommunalen Präventionsrat der Hansestadt koordiniert die Einsätze der beiden Seniorensicherheitsberater. »Seit dem Start vor einem Jahr steigt die Zahl der Anfragen stetig.« Fast jede Woche ist Hartmut Olthoff in den Stadtteilen unterwegs. Bald kommt Verstärkung: Kriminalhauptkommissar Jörg Heier ist seit wenigen Tagen im Ruhestand. Er wird der Dritte im Bunde. In der Prävention ist er Profi, 14 Jahre hat er in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle gearbeitet. Kaffeefahrten, Teppichverkäufer, falsche Installateure – der Polizist kennt die Tricks. Was den 60-Jährigen antreibt: »Ich habe erlebt, wie Senioren um ihr Geld gebracht wurden, das sie mühsam zusammengespart haben. Das macht mich wütend.« Die Täter nutzen die »alte Schule« aus, Hilfsbereitschaft und Anstand – und oft auch den Wunsch nach mehr Kontakt. Ein Fall ging ihm besonders nah, auch wenn es für Hilfe zu spät war: Zwei Frauen brachten nach einem Todesfall zwei Schuhkartons aus dem Nachlass, voll mit bezahlten Rechnungen – für dubiose Wahrsager, falsche Gewinnbenachrichtigungen und überteuerte Bestellungen. »Zigtausende Euro hatte die arme Frau über die Jahre an Betrüger überwiesen.«

Wenn auch nur ein Zuhörer die Trickser abblitzen lässt, dann hat sich die Mühe gelohnt, sagen Jörg Heier und Hartmut Olthoff. Die Aufklärungsarbeit trägt schon erste Früchte. Immer öfter bringen Senioren Enkeltrick-Versuche zur Anzeige – auf die sie nicht reingefallen sind.

 

So schützen Sie sich

Nehmen Sie keine Dienstleistungen in Anspruch, die Sie nicht bestellt haben oder die nicht vom Vermieter oder Versorger angekündigt wurden.

Kaufen Sie nichts an der Haustür und leisten Sie keine Unterschriften. Ob Schmuck, Teppiche oder Lederjacken: Die Ware ist meist minderwertig und völlig überteuert.

Geben Sie am Telefon nie irgendwelche Daten von sich preis – auch wenn man Sie mit einer Gewinnbenachrichtigung ködern will oder sich der Anrufer als Bankangestellter ausgibt.

Wenn sich am Telefon jemand als Verwandter ausgibt, rufen Sie denjenigen unter der Ihnen bekannten Nummer zurück.