Eine zweite Chance

Ungeliebt, unbequem, ausgesetzt – im Tierheim Rostock-Schlage finden verstoßene Vierbeiner Zuflucht.

 

Norbert Schlösser öffnet den Pappkarton auf seinem Schreibtisch. Unter zerknülltem Zeitungspapier hat sich ein faustgroßer Igel zusammengerollt. 250 Gramm, schätzt der Leiter vom Tierheim. Viel zu zart, um den Winterschlaf zu überleben. Der Frost kam in diesem Jahr zu zeitig. Täglich bringen Tierfreunde kleine Igel nach Schlage, aus ihrem Garten oder von der Straße. Die Tierpfleger päppeln die Kleinen auf, damit sie im nächsten Frühjahr wieder in die Freiheit zurückkehren können.

Das Tierheim in Schlage: 20.000 Quadratmeter mit fünf großen Tierhäusern, mit Hundespielplatz, Katzenstuben und der neuen Vogelkinderstation. 300 Tiere leben hier, Hunde, Katzen, Meerschweinchen und Hasen – aber auch Kornnattern, putzige Chinchillas, Schildkröten. 11.000 Tiere hat Schlössers Team seit der Gründung 1992 aufgenommen.

Vom Scheidungsopfer bis zum gequälten Geschöpf: »Jedes Tier hat seine Geschichte.« Hoppel und Rosi zum Beispiel. Die beiden Kaninchen waren für ein Kind mal die erste große Tierliebe, ein Weihnachtswunsch vielleicht. Die Begeisterung hielt nicht lange an. Oder der winzige Brutus, ein putzmunterer Chihuahua mit Glitzerhalsband – ausgesetzt. »Manche Leute kaufen ein Tier wie einen Blumenstrauß.« Und geben es weg, wenn es mühsam wird. Schäfermix Harry ist der längste Tierheimbewohner. Ihm wurde von Menschen übel mitgespielt, er kam mit halb rausgerissener Rute ins Tierheim, sie musste amputiert werden, seitdem ist er schwerbehindert – und wird wohl keine neue Familie mehr finden, sagt Schlösser bekümmert. Die meisten anderen Tiere, auch alte und kranke, bekommen eine zweite Chance. »Das war früher nicht so. Die Menschen sind heute achtsamer für die Belange der Tiere.«

Ein kurzer Besuch und ein verzückter Blick in treue Tieraugen reichen für eine Adoption nicht aus. Ein potenzielles Herrchen muss es ernst meinen. »Wir fragen: Können Sie sich ein Tier leisten? Haben Sie genug Zeit, dreimal am Tag Gassi zu gehen? Ist der Vermieter einverstanden?« Und es muss zusammenpassen. Vor allem ein paar Hunde haben nach ihren Lebensgeschichten Ecken und Kanten, brauchen Menschen mit Erfahrung. Wie Finja, eine sieben Jahre alte Schäferhündin, ausgeglichen und kinderlieb – nur bei anderen Hunden verliert sie manchmal die Nerven.

Futter, Heizung, Arztrechnungen und Medikamente, das Team mit neun Mitarbeitern – so viele Vierbeiner zu versorgen, kostet eine Menge Geld. Zuschüsse und Spenden von Tierfreunden, Firmen und sogar Schulklassen halten den laufenden Betrieb aufrecht. Auch die WIRO unterstützt das Tierheim, erst in diesem Jahr hat sich das Wohnungsunternehmen an den neuen Türen fürs Hunde- und Katzenhaus beteiligt. Dazu die vielen Ehrenamtler, die mit den Hunden Gassi gehen, Katzen streicheln, Kratzbäume bauen und alles andere übernehmen, wofür dem Tierheim-Team zu wenig Zeit bleibt. »Ohne tierliebe Menschen wäre dieser Zufluchtsort nicht möglich«, sagt Norbert Schlösser, dafür ist er jeden Tag dankbar. Sogar am Heiligabend kommen Familien und bringen Geschenke für die Tiere.

Wenn Sie helfen möchten: Spendenkonto OSPA | Tierheim Rostock-Schlage
IBAN DE94130500000290001501

Mehr Infos: www.tierheim-schlage.de