Ein Flur zum Musizieren

Foto: DOMUSIMAGES

Ein Nachmittag, schummrig und trübe, am hinteren Ende der Langen Straße. Wer die Ohren spitzt, hört es vielleicht: fröhliche Musik und lautes Lachen aus der Hausnummer 24.

Dieser Flur ist für Musik gemacht – das hat Ilan Bendahan Bitton sofort gedacht, als er vor drei Jahren die Stufen zu seiner neuen Wohngemeinschaft hochstieg. Die Lange Straße 24 hat eines der kolossalsten Treppenhäuser Rostocks, fast 100 Quadratmeter Flur auf jeder Etage. »Da kann man gar nicht anders als ein Liedchen pfeifen«, lacht der 29-jährige Pianist.

Der perfekte Ort für ein Konzert
Der HMT-Student und seine Mitbewohner Julia Schossner und Tobias Götze aus dem vierten Stock fanden: der perfekte Ort für ein Konzert. Dreimal haben sie schon das Klavier vor ihre Wohnungstür gehievt, Sofas und alle anderen Sitzgelegenheiten auf den Flur gestellt, ein kurzweiliges Programm arrangiert – und die Nachbarn zum Flurkonzert eingeladen. Tobias Götze: »Dabei wussten wir vorher gar nicht, wie die Musik klingen würde. Der Raum hat ja fast Kirchencharakter.«

"Bruder Jakob"
Pianist Bitton hat Beethoven gespielt, Philosoph Götze Gedichte von Heinz Erhardt rezitiert und »Bruder Jakob« für alle angestimmt, musizierende Freunde haben Georg Kreislers Kompositionen gesungen. Und am Ende gab‘s Kuchen, Kaffee und Plaudereien am Mitbring-Büfett.

Per Du, wie in einer kleinen Dorfgemeinschaft
»Mittlerweile sind wir im Haus fast alle per Du«, erzählt Tobias Götze. Der Doktorand: »Gerade den älteren Nachbarn höre ich gerne zu. Sie haben viel zu erzählen.« Eigentlich sei das Haus wie eine kleine Dorfgemeinschaft. Daran war vor drei Jahren nicht zu denken. Als die jungen Leute einzogen, war ihr Stand kein leichter: Die Vorgänger hatten zu laute Partys gefeiert. Die Nachbarn waren skeptisch, ob die nächste Studenten-WG es besser machen würde. Zumal: Ilan mit seinem Klavier – würde das stundenlange Geklimper nicht nerven? Schnee von gestern. Laute Partys und Krach sind tabu, Klavier spielt er meist mit Kopfhörern und Stummschaltung. »Es ist doch selbstverständlich, dass man Rücksicht nimmt.«

Picobello auch ohne Putzplan
So gut läuft es übrigens auch im Kleinen: In der WG gibt es keinen festen Putzplan, trotzdem ist die Wohnung immer picobello aufgeräumt. Einkaufen tut jeder für sich, gekocht wird oft gemeinsam. Leider ist das WG-Glück nicht ungetrübt: Ilan hat sein Studium beendet, bald packt er seine Sachen und zieht nach Leipzig. Ein neuer Mitbewohner wird schon gesucht.