Bunt, neu, Fantasia

Schneiden, nähen, schweißen – ein Zirkuszelt zu bauen, ist schwere Handarbeit. Fotos: Alexander Rudolph

Ein paar Tage noch, dann bekommt der Circus Fantasia sein nigelnagelneues Zirkuszelt. Die roten und weißen Streifen werden weithin leuchten. Innen finden 300 Besucher Platz. Wir wollten wissen: Woher kommt das Zirkusquartier eigentlich?

Bei Raap Planen ist alles ein paar Nummern größer. Der computergesteuerte Cutter sieht aus wie ein riesiger OP-Tisch, eine scharfe Klinge schneidet breite Planen auf den Millimeter zu. Oder die Unterlage vom Hochfrequenz-Schweißgerät – die ist so lang wie eine Bowlingbahn. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ein Zirkuszelt zu bauen, ist bei aller Technik in erster Linie schwere Handarbeit. Die Segelmacher der Harburger Firma hieven die derben Planen, pressen Metallösen, und befestigen Details mit Nadel und festem Zwirn.

1.500 Zelte in 35 Jahren – jedes ein Unikat
Seit 35 Jahren baut das Familienunternehmen, vor drei Generationen als Segelmacherei gegründet, Chapiteaus. Etwa 1.500 waren es seitdem, ungefähr 50 im Jahr, die größten mit einer Grundfläche von 5.000 Quadratmetern. Der Handwerksbetrieb produziert Zeltquartiere für berühmte Zirkusfamilien, für das Hamburger Thalia-Theater, die Autostadt in Wolfsburg – und für pädagogische Projekte wie Fantasia aus Rostock.

»Fast 400 Zirkusbetriebe gibt es in Deutschland«, weiß Geschäftsführer Mike Kailuweit. Er kennt sie fast alle, denn hierzulande ist er ohne Konkurrenz. Für seine fliegenden Bauten hat der 54-Jährige sogar Aufträge aus der ganzen Welt, bis aus Kalifornien und Südafrika. Jedes Zirkuszelt ist ein Unikat, erklärt der charmante Unternehmer. Auf seinem Schreibtisch, der steht in einem verglasten Büro gleich neben der Werkstatt, liegt ein Stapel bunter Skizzen. Pagodenzelte in allen Größen, Farben und Formen, mit zwei oder vier Masten. Mit einem Zirkuszelt ist es fast wie mit einem Haus: Zuerst wird ein Entwurf gezeichnet, die Maße festgelegt. Ein Statiker rechnet dann sorgsam hin und her, damit es sicher steht – und der nächste Sturm es nicht mitreißt. Für das Fantasia-Zelt gilt das umso mehr, weil an der stürmischen Rostocker Kaikante öfter mal Windstärke 10 bläst und damit ein tonnenschwerer Druck auf den Planenwänden lastet. »Als „Küstenzelt“ bekommt es eine zusätzliche Schweißnaht und extra verstärkte Enden.«

Klares Nein vom TÜV für Fantasias betagtes Quartier
Zwei Wochen brauchen die Harburger Segelmacher im Schnitt für eine Zelthaut aus beschichtetem Polyestergewebe. Stangen und Masten liefert eine Schlosserei. Jedes Zelt wird TÜV-geprüft und steckerfertig geliefert. Rund 15 Jahre hält ein Zelt bei normalem Verschleiß, sagt Kailuweit. Das blau-gelbe Fantasia-Zelt hatte schon mehr als 30 Jahre auf dem Buckel. 1997 haben die Rostocker es gebraucht vom Zirkus Renz

übernommen. Vor jeder Saison musste die Truppe ihr betagtes Sommerquartier an allen Ecken und Enden flicken, berichtet Daniela Mende von der Fantasia AG. Aber nun ging nix mehr, beim letzten TÜV gab’s ein klares Nein. Nur: Woher ein neues Zelt nehmen – für mehr als 100.000 Euro?

Vor einem Jahr ging Fantasia auf Spendensuche. »Es war unglaublich, wie die Rostocker uns unterstützt haben.« Zahlreiche Familien haben zwischen 10 und 100 Euro beigesteuert, Unternehmen wie die OSPA große Summen. Auch die WIRO hat das neue Zirkuszelt mitfinanziert. Das rot-weiße Chapiteau ist genauso groß wie das alte. Weil es mit weniger Stangen auskommt, bleibt drinnen mehr Platz für die Besucher. Auch eine Verbesserung: Das neue Küchenzelt ist bei schlechtem Wetter über einen Tunnel erreichbar.

1.500 Quadratmeter Planen, vier Masten und 100 Eisenanker
Die Zirkus-Leute können es kaum erwarten, bis das neue Quartier im Stadthafen endlich steht: Am 27. März kommt das Raap-Planen-Team mit seiner sechs Tonnen schweren Fracht nach Rostock. Das sind: 1.500 Quadratmeter Planen, vier Masten und 100 Eisenanker, jeder ein Meter lang und 15 Kilo schwer. Der Aufbau ist großes Kino und jeder darf zuschauen. Ende April startet Circus Fantasia mit neuem Schwung in seine 21. Saison: Schulprojekte, Clown-Konvention, »Zirkus-macht-stark«-Kurse für benachteiligte Kinder und vieles mehr sind geplant.

Spendenaktion geht weiter
Das Geld für die Hülle ist beisammen, aber die Spendenaktion geht weiter. Auch fürs Zeltinnere hat Fantasia Pläne: Die Bühne soll so umgebaut werden, dass sie für Rollstuhlfahrer einfacher zu erreichen ist. Die alten Vorhänge sind zerschlissen. Auch neue Stühle, zum Stapeln und alle einheitlich, wünscht sich der kleine Zirkus. Alle Infos auf: www.fantasia-rostock.de