Auf nach Rio!

Auch wenn sie nicht so oft im Rampenlicht stehen wie Fußballstars oder Tennishelden: Diese Rostocker sind auf dem besten Weg, den Traum jedes Athleten zu erleben.

Sie wollen im September nach Rio de Janeiro, zu den Paralympics, den Olympischen Spielen für Sportler mit Behinderung. Die meisten haben sich schon qualifiziert, andere sind kurz davor. Die WIRO ist Partner von »Wir in Rio« und unterstützt als Sportpate die Top-Athleten.

 

Die Kämpferin - Jana Schmidt, Leichtathletin, 1. LAV Rostock e. V.:
Auch wenn es für Jana Schmidt die dritten Paralympischen Spiele wären – ihr Herz klopft vor Aufregung nicht weniger als 2008 in Peking. »Das ist das Größte für Sportler.« Erst Ende Juli entscheidet sich, ob die Leichtathletin aus Mecklenburg starten darf. Bis dahin trainiert sie täglich, um in Bestform zu kommen. Das ist kein Kinderspiel, immerhin gehört sie mit 43 Jahren zu den älteren Sportlern. Sowieso muss Jana Schmidt mehr kämpfen als andere Leichtathleten mit Handicap. Ihr rechtes Knie ist steif. Die anderen tragen fast alle eine Prothese, die sie beugen können. »Ich muss mehr Kraft aufbringen.« Sport war immer wichtig im Leben von Jana Schmidt. Aber nach ihrem Trainingsunfall 2003 hätte sie fast hingeschmissen. »Ich war frustriert und habe mich verkrochen.« Bis ihr Mann und Sohn sie überreden, im Behindertensport zu starten. Seitdem kämpft sie mit eisernem Willen, will schneller laufen, weiter springen und werfen als die anderen. Ihre größten Erfolge: Bronze über 100 Meter bei den Paralympics in London, 2013 wurde sie Weltmeisterin im Kugelstoßen.

Foto: Jens Scholz

Mit Glücksbringer - Denise Grahl, Schwimmerin, Hanse SV Rostock e. V.:
Frühmorgens vor dem Praktikum eine Stunde Wassertraining, nachmittags nochmal vier Stunden Kraft und Schwimmen. Ihr tägliches Pensum hat Denise Grahl für heute hinter sich. Sie sitzt auf der Bank am Beckenrand und strahlt so gutgelaunt und frisch, als sei sie eben erst aufgestanden. Schon im Dezember hat sich die Schwimmerin für Rio qualifiziert. Aber daran denkt sie noch gar nicht so oft. »Erstmal steht die Europameisterschaft im Mai an. Schritt für Schritt.« Wegen eines Gendefekts ist die 22-Jährige kleingewachsen. Darum kann sie vielleicht nie so schnell durchs Wasser kraulen wie Sportler ohne Handicap – aber in Rio hat sie gute Chancen. Vor allem in ihrer Paradedisziplin: Die 50 Meter Freistil schafft sie an guten Tagen in weniger als 33 Sekunden. Denise Grahl hat in den vergangenen acht Jahren fast 100 Medaillen gewonnen. Seit vergangenem Jahr lebt die gebürtige Schwerinerin in Rostock. »Die Trainingsbedingungen hier sind toll.« Ihr Glücksbringer für Brasilien: Mama. »Sie begleitet mich zu allen wichtigen Wettkämpfen.«

Foto: Jens Scholz

Wie Schachspielen - Sylvi Tauber und Balwinder Cheema, Rollstuhlfechter, TuS Makkabi-Rostock:
Sylvi Tauber ist ein Wirbelwind. »Ich kann nicht stillsitzen.« Zum Training von Schmarl nach Reutershagen fährt sie meistens in ihrem Handbike. Die WIRO-Mieterin arbeitet ehrenamtlich bei den Maltesern und spielt Rollstuhl-Rugby. Aber im Moment steckt die 36-Jährige ihre ganze Kraft ins Training mit Degen und Florett. Fünf Stunden am Tag, mindestens. »Rio würde für mich alles bedeuten.« Wenn sie bei den Paralympics starten will, muss sie es noch unter die ersten zwölf der Weltrangliste schaffen. Derzeit steht sie auf Platz 17.

Sport macht glücklich. Das weiß Balwinder Cheema am allerbesten. 2007 hatte der gebürtige Inder einen Unfall, ist seitdem querschnittsgelähmt. »Mein altes Leben war vorbei. Ich hatte keine Ziele mehr.« Bis er 2012 einen Freund zum Rollstuhlfechten begleitet hat. Heute hat er sein Ziel klar vor Augen: Er will nach Rio. Auch wenn er erst seit drei Jahren beim Rostocker Verein TuS Makkabi trainiert, gehört er zur Weltspitze, ist dreifacher deutscher Meister. »Rollstuhlfechten ist wie Schachspielen, nur schneller.« Was plant der Gegner als nächstes? Wie täusche ich ihn, damit ich den nächsten Treffer landen kann? »80 Prozent des Erfolges kommen vom Kopf.«

Foto: Jens Scholz

Vertrauensvoll - Reno Tiede, Thomas Steiger und Christian Friebel, Goalballer, Rostocker Goalballclub Hansa e. V.:
Goalball? Was ist das? Reno Tiede hört diese Frage oft. Der 26-jährige Finanzberater ist Kapitän der Goalball-Nationalmannschaft und wird nie müde, seine Leidenschaft zu erklären: Bei dem Ballsport für Sehbehinderte geht es darum, einen 1.250 Gramm schweren Klingelball ins gegnerische Tor zu werfen. Die Spieler haben blickdichte Brillen auf, können nur auf ihr Gehör vertrauen – und auf die Teamkollegen, die ständig miteinander kommunizieren. Wo sind die anderen Spieler gerade? Aus welcher Richtung kommt der Ball? »Um mit drei Sportlern ein neun Meter breites Tor abzudecken, braucht es Schnelligkeit und volle Konzentration.« Als Knirps wollte Reno Tiede Fußballer werden. Daraus wurde nichts, mit acht Jahren hat er fast sein komplettes Augenlicht verloren. Beim Studium in Marburg hat der sportliche Rostocker Goalball entdeckt. Und bei seiner Rückkehr in die Heimat einen Verein gegründet, den Rostocker Goalballclub Hansa (RGC). Erst vor ein paar Monaten ist Thomas Steiger von Nürnberg nach Rostock gezogen. Der 19-Jährige lernt Physiotherapeut, lebt mit Reno Tiede in einer WG und fühlt sich wohl an der Ostsee. Der dritte im Bunde ist Christian Friebel. Alle drei haben sich mit der Nationalmannschaft für Rio qualifiziert. Ihr Ziel? »Wir wären glücklich, wenn wir es bis ins Viertelfinale schaffen.«

Foto: Georg Scharnweber

»Wir in Rio«
ist ein Projekt des Verbandes für Behinderten- und Rehabilitationssport M-V e. V. (VBRS), mit dem die Top-Athleten unterstützt und langfristig Nachwuchssportler gefördert werden sollen. Denn Leistungssport ist teuer und aufwendig – erst recht, wenn spezielle Sportgeräte und Hilfsmittel gebraucht werden. Der VBRS vertritt aber nicht nur Leistungssportler. Er ist für insgesamt 10.000 Menschen Ansprechpartner für sportliche Aktivitäten. Von Rollstuhlhockey über Leichtathletik bis Rehasport – in M-V gibt es in 120 Vereinen Angebote für Menschen mit Handicap.

Mehr Infos: www.wirinrio.de